"... was hatte ich, was hatte meine Sittlichkeit und Bildung
wohl eigentlich mit den überall aus dem Kindlich-Volksklanglichen
ins Geisterhafte entschwebenden, um nicht zu sagen entartenden
Sprachträumereien des Romantikers zu schaffen?
Es war die Musik, kann ich darauf nur antworten, die mich zu der Gabe vermochte, -
die Musik, die in diesen Versen in so leichtem Schlummer liegt,
dass die leiseste Berührung von berufener Hand genügte,
sie zu erwecken."

(Thomas Mann über die Dichtung Clemens Brentanos in: Doktor Faustus)

 

 

'Märchen, Nacht und Träume'

Konzert(ur)aufführung am 29. Oktober um 20 Uhr

Solisten: Julia Grüter (Sopran) und Michael Dahmen (Bariton)

Chor: Die letzten Heuler

Instrumentalensemble: Freya Deiting (Violine), Christine Hanl (Viola), Jelena Likusic (Cello), Sandra Wilhelms (Gitarre)

Birgit Kramarczyk (Flöte), Jürgen Steinfeld (Klarinette), Monika Klar (Fagott) und Michael Jendral (Horn)

in der Konzertaula Kamen

als 'Romantische Nacht'



Auf dem Programm stehen (u.a.):

Franz Schubert:

  • Du bist die Ruh'
  • Nacht und Träume
  • Wanderers Nachtlied
  • Auf dem Wasser zu singen
  • Der Wanderer
(alle in Fassungen für Chor und Kammerorchester von Reinhard Fehling)

Clemens Brentano:

(Eigene Vertonungen, u.a.):

(Klangbeispiele computergeneriert)


Hintergrundinformationen hier:

Ein Treffen der Herren Schubert und Brentano

- nachträglich arrangiert -



 

Bleistiftzeichnung von Edward Steinle (1841): Clemens Brentano (versucht gerade, Schubert via Smartphone zu erreichen. Leider 13 Jahre zu spät ;))



Wo sie sich hätten begegnen können...


 Ganz Wien war auf den Beinen. Denn
                   ER                       
hatte zu einem Konzert geladen.




Es war der 8. Dezember 1813 und Ludwig van Beethoven stellte seine neustes Werk 'Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vitoria' einem großen Publikum vor. Die Aula der Universität Wien war restlos überfüllt – die meisten Zuhörer standen: im Saal, in den Gängen, auf den Treppen. Die Begeisterung war enorm und schon nach 4 Tagen musste das umjubelte Programm wiederholt werden. Auch die Uraufführung der ‚Siebten‘, ein weiterer sinfonischer Meilenstein des Meisters, stand auf dem Programm, aber sie konnte dem vom ‚großen Metronom‘ Johann Nepomuk Mälzel geschäftstüchtig ausgeheckten Hauptereignis (er führte auch seinen vielbewunderten mechanischen Trompeter vor) nicht den Rang ablaufen. Das Riesenspektakel des sinfonischen Schlachtengemäldes, bei denen musikalisch die englischen und französischen Heere aufeinander losrücken, überlagerte alles. Dargeboten im Gedenken an den siegreichen Kampf der Wellingtonschen Heere (21. 6. 1813) bei Vitoria im Baskenland gegen napoléonische Truppen und zu Gunsten der bayerischen und österreichischen Invaliden aus der verlustreichen Schlacht bei Hanau (30./31. 10. 1813), mit der sich der zum letzen Mal auf deutschem Boden siegreiche Napoléon den Rückzug seiner Armee sichern konnte, wirkte in dem großen Orchester mit Effektinstrumenten wie Ratschen, Trommeln und Böllern nahezu alles mit, was in Sachen Musik Rang und Namen hatte:Spohr, Schuppanzigh, Romberg, Mayseder und Dragonetti; Salieri dirigierte hinter der Szene, Hummel und Meyerbeer standen an den Pauken, Moscheles war an den Becken und Beethoven selbst - nahezu völlig taub - versuchte als Dirigent, alles zusammenzuhalten. Er stand im Zenit seines Ruhms. Er war der Napoléon der Musik und er hatte diesen - als Machtpolitiker zunehmend abgelehnten, aber als Typus lebenslang bewunderten - endlich, wie er sich das vorgestellt hatte, als Kriegsherr auf dem Felde der Musik geschlagen.

Das Programm stößt auf solche Resonanz, dass es am 2. Januar und 27. Februar 1814 im 'Großen Redoutensaale ... zum Vorteile des Künstlers' wiederholt wird. Spätesten in der Januar-Akademie sitzt mit einiger Sicherheit - vaterländisch euphorisiert wie die ganze große Menge - Clemens Brentano unter den Zuhörern. In diesen Konzerten kommt auch die 7. Sinfonie zu ihrem Recht. Das nachmals berühmte 'Allegretto', ihr 2. Satz, (die Scheu vor dem Unbekannten war durch wiederholtes Hören der Lust auf das Unerhörte gewichen) muss auf Verlangen des Publikums wiederholt werden.

Davon berichtet - übereinstimmend mit anderen Publikationen - auch Brentano im 'Dramaturgischen Beobachter' vom 7. Januar 1814. Seine - recht allgemein gehaltene - Rezension gipfelt in dem Gedicht 'Nachklänge Beethovenscher Musik', in dem er diesem Ereignis und seinem Heros Beethoven, dessen Musik er schon länger bewundert, ein kongeniales dichterisches Denkmal setzt:

Einsamkeit, du Geisterbronnen,
Mutter aller heilgen Quellen,
Zauberspiegel innrer Sonnen,
Die berauschet überschwellen,
Seit ich durft in deine Wonnen
Das betrübte Leben stellen,
Seit du ganz mich überronnen
Mit den dunklen Wunderwellen,
Hab zu tönen ich begonnen,
Und nun klingen all die hellen
Sternenchöre meiner Seele,
Deren Takt ein Gott mir zähle,
Alle Sonnen meines Herzens,
Die Planeten meiner Lust,
Die Kometen meines Schmerzens,
Klingen hoch in meiner Brust.

Er schlägt Töne an, die an den hymnischen Stil Hölderlins erinnern:

... Selig, wer ohne Sinne
Schwebt, wie ein Geist auf dem Wasser,
Nicht wie ein Schiff – die Flaggen
Wechselnd der Zeit, und Segel
Blähend, wie heute der Wind weht,
Nein, ohne Sinne, dem Gott gleich,
Selbst sich nur wissend und dichtend
Schafft er die Welt, die er selbst ist,
Und es sündigt der Mensch drauf,
Und es war nicht sein Wille!
Aber geteilet ist alles.
Keinem ward alles, denn jedes
Hat einen Herrn, nur der Herr nicht;
Einsam ist er und dient nicht,
So auch der Sänger!

 Ehe er am Schluss der Tagesaktualität huldigt:

... Wellington in Tones Welle
Woget und wallet die Schlacht,
Wie eines Vulkanes Helle,
Durch die heilige Sternennacht.
Er spannt dir das Ross aus dem Wagen,
Und zieht dich mit Wunderakkorden
Durch ewig tönende Pforten.
Triumph, auf Klängen getragen!
Wellington, Viktoria!
Beethoven, Gloria!

Die Schauplätze der Konzerte, die Aula der Universität bzw. die Hofburg und Ihr Großer Redoutensaal liegen im Herzen Wiens, etwa auf halbem Wege zwischen den damaligen Wohnungen Brentanos und Schuberts. Eine Stunde Fußweg liegt zwischen dem Haus Erdberggasse 98, einer Villa mit 40 Zimmern des 1809 verstorbenen Schwiegervaters seines Bruders Franz, in der Brentano mit dessen Frau Antonie (Widmungsträgerin etlicher von Beethovens Werken und als seine 'Unsterbliche Geliebte' von verschiedenen Forschern ins Spiel gebracht) und deren 5 Kindern (aber ohne ihren kaufmännisch vielbeschäftigten Gatten) wohnt, und dem vergleichsweise ärmlichen Schulhaus der Pfarre Lichtental. Hier - in der Säulengasse 3 - unterrichtet der Vater Franz Schuberts und hierhin war der knapp 17-Jährige, der eine Verlängerung der strengen Zeit im Konvikt ausgeschlagen hat, gerade zurückgekehrt. Auch er wird unter den Besuchern dieser Konzerte gewesen sein, denn es ist kaum denkbar, dass etwa der mitwirkende Antonio Salieri, der ihn schon im Konvikt in Komposition unterrichtet hatte, und bei dem er bis 1816 den Unterricht fortsetzt, nicht darauf hingewiesen hätte. Auch der Herausgeber des 'Dramaturgischen Beobachters' Josef Carl Bernard, ein Freund Brentanos, wird Schubert nicht unbekannt gewesen sein, immerhin vertont er zu dieser Zeit eines seiner Gedichte, dem er den Titel 'Vergebliche Liebe' gibt.
Auf jeden Fall war Beethoven in Schuberts Freundeskreis eine bekannte und bewunderte Größe. Schubert , der als 18-Jähriger zu seinem Freund Schober sagen wird: 'Heimlich im Stillen hoffe ich wohl selbst noch etwas aus mir machen zu können, aber wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen', hatte er aber zu diesem Zeitpunkt schon etwas aus sich gemacht: Seine 1. Sinfonie war ein paar Tage vor dem Konzert fertig geworden, und seine erste Oper 'Des Teufels Lustschloss' war begonnen. Als Liedkomponist hatte er noch wenig geschaffen (immerhin eine bemerkenswerte Vertonung der 'Taucher'-Ballade nach Schiller) und eben erst (angesteckt durch die allgemeine vaterländische Euphorie) einen Gesang 'Auf den Sieg der Deutschen' ('Sie ziehn zum Kampf, sie siegen,/und Frankreichs Reste fliegen/besiegt der Heimat zu'), auffällig unmilitärisch in Musik gesetzt. Vor allem aber: Der Weg zu neuen Ufern zeichnet sich schon ab. 'Gretchen am Spinnrad', sein erster großer Wurf und Urtypus des neuen (Kunst-)Liedes, sollte schon bald, am 19. Oktober 1814 das Licht der Welt erblicken.

 Franz Schubert: 17-jährig (Kreidezeichnung von Leopold Kupelwieser)

Da sind sie nun für ein Jahr auf engem Raum beieinander, das Gleiche bewundernd und besingend und trotzdem aneinander vorbeigelaufen.

                                                                               
                                                                               Clemens Brentano - 41-jährig (Zeichnung von Wilhelm Hensel)

Aber noch einmal kommen die beiden sich andernorts und in ganz anderem Sinne nahe. Dieses Mal über Wilhelm Müller, jenen 'Griechen-Müller', der nicht nur den Freiheitskampf der Hellenen dichterisch unterstützt hat, sondern auch der Verfasser von Schuberts berühmtesten Liederzyklen 'Die Schöne Müllerin' und 'Winterreise' ist. (Schubert, der Müller übrigens nie persönlich begegnet ist, hat dessen Gedichte erst aus den 1821 und 1824 veröffentlichten beiden Bändchen Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten kennengelernt.) Am 10. Oktober 1816 trifft Brentano im Berliner Haus des Staatsrats Friedrich August von Staegemann beim Donnerstagssalon wohl zum ersten Mal auf die 18-jährige protestantische Pfarrerstochter Luise Hensel, die um diese Zeit von eben diesem Müller schüchtern, selbstzweifelnd und letztlich erfolglos umworben wird. Brentano ist gleich der Star der Gesellschaft. Er liest aus seiner Komödie 'Viktoria und ihre Geschwister' und die Damen sind über den gutaussehenden, gelockten, geistreichen Dichter entzückt. Als bei ähnlicher Gelegenheit Müllers poetisches Gesellschaftsspiel von der 'Schönen Müllerin' mit verteilten Rollen gelesen wird, soll Müller - schon seines Namens wegen - den unglücklich verliebten Müllerburschen geben, und Brentano pikanterweise den Jäger, der am Ende wegen seines Standes und seiner Virilität von der 'Schönen Mülllerin' den Vorzug erhält. Eine fatale Koinzidenz zwischen Kunst und Leben! Man kann sich vorstellen, dass das Verhältnis unter den dreien nicht ganz ungetrübt gewesen sein wird. Dennoch verbringen sie gemeinsam bei Luise Hensel den Heiligen Abend dieses Jahres, wo Brentano ihr einen verschlüsselten Heiratsantrag macht. Kein Wunder, dass in späteren biografischen Notizen Wilhelm Müllers Luise Hensel nicht mehr auftaucht. In Brentanos Leben wird sie (von der man bis heute das Abendlied 'Müde bin ich, geh zur Ruh' kennt) künftig eine wichtige Rolle spielen. Es dürfte vor allem an der 'frommen Luise' gelegen haben, dass Brentanos Brautwerbung sich schließlich auf religiöse Gemeinsamkeiten beschränken musste. In die Zeit, in der die beiden sich wiederholt in Dülmen am Bett der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick treffen, um für sie zu sorgen oder ihre Visionen zu beobachten, fällt die Konversion von Luise zum Katholizismus (1818), die nicht zuletzt auch von Brentano betrieben wird. Fünf Wochen nach dem Tode der Emmerick im Februar 1824 veranlasst Hensel in Brentanos Abwesenheit die Exhumierung der Leiche, wohl um zu sehen, ob sie weniger Verwesungsspuren zeigt als gewöhnliche Sterbliche. 1839 in München sieht er Luise zum letzten Mal, aber noch im Jahre 1852 wird die stets unverheiratet Gebliebene an der posthumen Sammelausgabe seiner Werke mitwirken.

Wie sie sich verfehlt haben...

 Brentano hatte nach seiner Generalbeichte 1817 ('10 Bogen eng geschrieben... ein ungeheurer Sündenhaufen' lt. Achim von Arnim) fast 6 Jahren am Krankenbette der Nonne verbracht und auf 16 000 Seiten seine Beobachtungen der ganzen Zeit festgehalten. Mit seinen daraus destillierten Büchern, besonders weit verbreitet 'Das bittere Leiden unseres Herrn Jesus Christus', wird Brentano ein vielgelesener und vielgedruckter Autor der aufkommenden katholischen Erweckungsbewegung. Sein bisheriges Schaffen sieht er kritisch bis ablehnend, ein Verzicht darauf erscheint ihm konsequent. An Wilhelm Grimm, mit dem (und dessen Bruder Jakob) er sich über Märchen und deren Quellen ausgetauscht hatte, schreibt er am 15. Februar 1815: '...Meine dichterischen Bestrebungen habe ich geendet, sie haben zu sehr mit dem falschen Wege meiner Natur zusammengehangen, es ist mir alles misslungen.... Meine Bücher liegen alle auf dem Speicher, und manchmal sitze ich mit Tränen auf dem Schutte meiner Torheit und weine das verlorne Leben. Ich habe keinen Grund und Boden in nichts, und muss ihn im Leben und in Jesus zugleich suchen'. Noch endgültiger klingt es in einem Brief aus Dülmen an den Freund Achim von Arnim vom Mai 1820: 'Ich habe darum abgelassen von einem Treiben, mit welchem ich nie Gott gedient, denn ich hatte keinen heiligen Geist, ich hatte den bösen Geist der Welt'.

Damit war er nach eigenem Verständnis der Welt seines bisherigen Dichtens abhanden gekommen. Dennoch erlebt seine literarische Produktivität immer wieder Aufschwünge, und auch sein Verhältnis zu früheren Werken bleibt durchaus schwankend. So gibt er einmal zur Veröffentlichung seines Kunstmärchens Gockel, Hinkel und Gackeleia, wenngleich widerstrebend, seine Zustimmung, ein andermal bereitet er mit seinem Freund Johann Friedrich Böhmer die Edition seiner 'besseren Lieder' vor. Insgesamt markieren die Generalbeichte und die Dülmener Jahre gleichwohl eine deutliche Zäsur.

Franz Schubert - 28-jährig



Wie anders verläuft Schuberts Leben! Seit jenen Wiener Tagen 1815/1816 hat er sich ungestüm weiter entwickelt. Auch hinsichtlich seiner religiösen Anschauungen geht er andere Wege. Zwar hat er im katholischen Elternhaus, in seiner Konvikts-Zeit und als Wiener Hofsängerknabe eine profunde und strenge katholische Erziehung erhalten, aber um 1818 endet die Reihe seiner frühen kirchenmusikalischen Werke und gleichzeitig beginnt seine Distanzierung von der Amtskirche. An seinen Bruder Ignaz schreibt er am 29. Oktober aus Zseliz: 'Der unversöhnliche Hass gegen das Bonzengeschlecht macht Dir Ehre. Doch hast Du keinen Begriff von den hiesigen Pfaffen, bigottisch wie ein altes Mistvieh, dumm wie ein Erzesel, u. roh wie ein Büffel.' Zwar hat er - wie andere Zeugnisse belegen - seinen persönlichen Gottesglauben nicht verloren, doch in seiner 'Winterreise' und seinem posthum zusammengestellten 'Schwanengesang' tönt es ernst und trostlos. Auch in seinen späteren großen Messen hat er im Credo das Bekenntnis zu der 'einen heiligen, katholischen und apostolischen Kirche' fortgelassen. In seinem letzten Brief an seinen Freund Franz von Schober vom 12. November 1828 geht es um anderes als geistlichen Beistand: 'Ich habe schon 11 Tage nichts gegessen u. nichts getrunken u. wandle matt u. schwankend von Sessel zu Bett u. zurück.... Sei also so gut, mir in dieser verzweifelten Lage durch Lektüre zu Hülfe zu kommen. Von Cooper habe ich gelesen: Den letzten der Mohikaner, den Spion, den Lotsen u. die Ansiedler. Solltest Du vielleicht noch was von ihm haben, so beschwöre ich Dich, mir solches bei der Fr. v. Bogner im Kaffeehaus zu depositieren. Mein Bruder ... wird solches am gewissenhaftesten mir überbringen.'
Schubert verstarb - nachdem er sich als letzte Musik das neuartige cis-moll-Streichquartett von Beethoven 'entzückt' und 'angegriffen' hatte vorspielen lassen - wenige Tage später am 18. November, wie sein Vater schrieb, 'nach einer kurzen Krankheit und dem Empfang der heiligen Sterbesakramente, im 32. Jahre seines Alters'.

Brentano überlebt ihn um 14 Jahre. Am 27. Juli 1842 erhält er - nach Wassersucht, starken Dosen von Digitalis und anderen erfolglosen 'Rosskuren' - die letzte Ölung. Die Freundin Emilie Lindner, um die der alternde Brentano seit 1833 in München heftig, aber letztlich wieder erfolglos geworben hat, erkennt 'eine unendliche Trauer in seinem Wesen. Er hat beinahe nur noch Tränen und ist gut wie ein Kind'. Christian und Emilie Brentano, die ihn pflegen, schreiben von Angstzuständen: 'So rief er oft bei Herannahen der Beängstigungen: Mein Gott, mein Gott, was soll ich machen? .. Beinahe fortwährend betete er mit Inbrunst das Vaterunser'. Am 30. Juli wird er in Aschaffenburg beigesetzt. In einer Kurzbiografie zu den dort 1855 veröffentlichten 'Gesammelten Schriften' heißt es: 'Um halb neun Uhr morgens am 28. Juli kehrte seine müde, vielgeprüfte und geläuterte Seele zu ihrem Schöpfer zurück, um in seligem Schauen den Lohn ihres tätigen Glaubens zu empfangen'.

 

Was sie aneinander gehabt hätten...

 

Realistisch betrachtet, wäre die Chance einer Begegnung in den Jahren 1813/1814 in Wien am größten gewesen. Spätestens als Brentano sich von der Welt ab und der' katholischen Propaganda' zuwendet (Heine) und Schubert in Stufen (Schlüsseljahre 1818 und 1822) seiner kompositorischen Reife zu- und vom strengen Katholizismus wegstrebt, laufen die Lebenslinien der beiden auseinander. In Anbetracht dieser biografischen Entwicklungen kann es kaum verwundern, dass unter den 110 Textautoren, die Schubert für seine Liedvertonungen herangezogen hat, der Name Brentano kein einziges Mal auftaucht (ähnlich verwunderlich: auch der Brentano stets wohlwollend gegenübertretende Eichendorff nicht!). Von diesen hat der vielgereiste und angesehene Brentano - außer den schon genannten - einige persönlich gekannt: Goethe, Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Ludwig Tieck (alle aus Jenaer Tagen (1803 ff), Friedrich Rückert, Friedrich Leopold von Stolberg, Varnhagen von Ense und Marianne von Willemer, die der im Stillen arbeitende Schubert allesamt nur aus der Ferne ihrer Veröffentlichungen kannte.

Es gab jedoch auch gemeinsame persönliche Bekanntschaften. So lernt Schubert die Dichterin Caroline Pilcher, in deren Salon Brentano schon im Juli 1813 aus seinem Trauerspiel 'Die Gründung Prags' vorgelesen hatte, 1821 kennen und vertont drei Gedichte von ihr. Auch den Freiheitsdichter und -kämpfer Theodor Körner hatte er als Jugendlicher im Hause seines Freundes Josef von Spaun erlebt. Körner, selbst sehr musikalisch, ermunterte ihn, sich ganz der Komposition zu widmen. In den Folgejahren bis 1815 vertont Schubert einige seiner Texte. Brentano seinerseits hatte den Dichter als Teilnehmer an Zelters 'Berliner Liedertafel' kennengelernt, wo er am 9. April 1811 sein von Friedrich Ferdinand Flemming vertontes Lied 'Der Musikanten schwere Weinzunge' vortrug. Nach dessen frühem Tod im Kampf gegen Napoléons Truppen im August 1813 versuchte Brentano sich selbst oder wahlweise Achim von Arnim als dessen Nachfolger im Amt des Hofdichters für das Burgtheater ins Spiel zu bringen. Die Pläne scheiterten und bald war das Wiener Gastspiel Brentanos beendet. Wiederum findet kein Kennenlernen der beiden statt - dieses Mal wegen der Ungleichzeitigkeit der Begegnungen. Ob dennoch bei diesen Gelegenheiten übereinander gesprochen und voneinander gewusst wurde, ist letztlich nicht nachzuweisen.

Ein Teil der Hinderungsgründe für eine persönliche Begegnung liegt sicherlich in den verschiedenen äußeren Lebensumständen. Brentano, der Sohn einer äußerst wohlhabenden Frankfurter Kaufmannsfamilie, der sich zeitlebens keine finanziellen Sorgen machen muss, in Salons und Zirkeln verkehrt, wo auch die Großen seiner Zeit anzutreffen sind, der unstet durch Europa und die Damenwelt hetzt, ohne je dauerhaftes Glück zu finden, schreibt über seinen Lebensgang:

'Ein ewger Streit von Wehmut und von Kühnheit,
Der oft zu einer innern Wut sich hob,
Ein innerliches, wunderbares Treiben
Ließ mich an keiner Stelle lange bleiben.'

Schubert, schüchtern und zögernd, als armer Schulgehilfe beginnend und auch später kaum aus Wien herausgekommen (Aufenthalte in Ungarn und die Liederreise mit Vogl nach Oberösterreich sind die Ausnahme), hetzt allenfalls von Quartier zu Unterschlupf, den er bei wechselnden Freunden findet. Ganz anders auch als das Vaterhaus Schuberts, wo gerade mal ein Klavier stand, stellt sich das großbürgerliche Patrizierhaus dar, in dem Brentano aufgewachsen ist. Dennoch: Glück ist auch da nicht, wie aus dem Anfang seiner 'Szene aus den Kinderjahren' zu ersehen ist:

'Oft war mir schon als Knaben alles Leben
Ein trübes träges Einerlei. Die Bilder,
Die auf dem Saal und in den Stuben hingen,
Kannt ich genau; ja selbst der Büchersaal,
Mit Sandrat, Merian, den Bilderbüchern,
Die ich kaum heben konnte, war verachtet,
Ich hatte sie zum Ekel ausbetrachtet.'

So stehen für beide, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen und auf verschiedenen Wegen, die Zeichen auf Flucht, Flucht in die Phantasie! In diesem Sinne passen diese Sätze aus obiger 'Szene' sicher auf beide:

'So, dass ich mich hin auf die Erde legte,
Und in des Himmels tausendförmgen Wolken,
Die luftig, Farben wechselnd oben schwammen,
Den Wechsel eines flüchtgen Lebens suchte.'

 So verschieden also der Lebensgang der beiden ist, so nahe sind sie sich im künstlerischen Wesenskern. Sicher scheint mir zu sein: Schubert hätte an Brentanos Gedichten Gefallen gefunden. Denn ähnlich wie Müller, dem Heine in einem Brief vom 7. Juni 1826 bewundernd attestierte, seine Lieder hätten den 'reinen Klang und die wahre Einfachheit' und seien 'sämmtlich ... Volkslieder', beherrschte auch Brentano den Volkston.

In der vielbeachteten Sammlung 'Alter deutscher Lieder', betitelt 'Des Knaben Wunderhorn', die er 1806 gemeinsam mit seinem Freund Achim von Arnim herausgegeben hatte, zeigte er, dass er sich den Volkston so zu eigen gemacht hat, dass er unvollständig Überliefertes zu Ende dichten konnte, es sogar dadurch erst in eine Form brachte, die fortan als die authentische gelten konnte. Für viele Komponisten war die Sammlung eine unerschöpfliche Fundgrube, und nahezu alle Liedmeister der Folgezeit haben sich aus ihr bedient. Schubert hat keinen dieser Texte vertont und - was noch verwunderlicher ist - auch keines der übrigen Gedichte von Brentano.

Dabei hätte sie auch sonst Vieles und Wichtigeres verbunden, den von Reimkunst und Phantasie überquellenden Poeten und den Begründer des neuen Liedes, der stets auf der Suche nach vertonbaren Texten war. Doch leider sind sie sich nicht nur leibhaftig nicht begegnet, sondern auch in künstlerischer Hinsicht nicht. Was Schubert betrifft, war er zu dieser Zeit gänzlich unbekannt, Brentano, der 19 Jahre Ältere hingegen, hatte die meisten seiner berühmten Gedichte zu diesem Zeitpunkt bereits geschrieben. Allerdings waren sie teils nicht gedruckt, teils in Briefen, Journalen, Romanen, Märchen oder Theaterstücken versteckt, in jedem Fall aber für einen wie Schubert, der sich in der ersten Zeit seines Liedschaffens - seinen Lese- und Lebensgewohnheiten folgend - vornehmlich an die Großen (Goethe,Schiller) und die Befreundeten (z.B. Schober, Spaun, Mayrhofer) hielt , kaum erreichbar. Ob Schubert die Spielpläne des Burgtheaters verfolgt hat, wissen wir nicht, er hätte sonst mitbekommen, dass Brentanos Stück 'Valeria oder Vaterlist' dort am 18. Februar 1814 krachend durchgefallen ist, was dessen glücklose Zeit in Wien schon drei Monate später beendete. Schubert hat es später in dieser Hinsicht noch ärger getroffen: Keine seiner großen Opern, auf die er so viel Zeit, Energie und Phantasie verwendet hatte, wurde zu seinen Lebzeiten aufgeführt. Auch er erlangte erste Berühmtheit nur als Meister der kleinen Form.

Es gibt weitere Schnittmengen. Fast alle Melodien Schuberts - auch die rein instrumentalen - sind Gesang, fast jedes Gedicht Brentanos ist Klang und Rhythmus. Die beiden schauen von verschiedenen Seiten auf dasselbe. Brentano - wohl der musikalischste unter den Dichtern (er singt, spielt Gitarre, Zither, Klarinette) - entfaltet in seinen besten Gedichten eine unerhörte, in dieser Form bis dahin unbekannte Klangmagie. Schubert wiederum hat Sprachgefühl , er liest viel, wenn auch eher stöbernd. Gedichte - mögen sie weniger bedeutend, auch spröde und als Sprache wenig wohlklingend sein - werden unter seinen Händen zu reinster Musik. Ähnlich wie Brentano im 'Wunderhorn' gelingt es ihm auch - etwa in der 'Deutschen Messe' - Texte zum 'Volks-Kirchenlied' zu veredeln.

Spontan und gesellig können die beiden sein. Ihre künstlerischen Sternstunden erleben sie im Freundeskreis, seien es Gesellschaften wie der Wiener 'Strobelkopf' des einen oder die 'Schubertiaden' des anderen. Dort stellen sie erstmals ihre Werke vor, singend, spielend, rezitierend, hier sagt man ihnen, dass sie etwas können: Die Armins und Grimms hier und der Schwind, der Kupelwieser, der Schober dort. Solche Beispiele werfen auch ein Licht auf die Persönlichkeiten: Beide sind keine guten Vermarkter ihrer selbst, sie tauen auf in der persönlichen Begegnung. Planung, strategisches Denken im Sinne eines Goethe oder Beethoven ist ihnen eher fremd, sie produzieren unaufhörlich, genial eher im Lyrischen denn im Dramatischen. Wen wundert es, dass ihnen die beiden Großen eine Abfuhr erteilen? Beethoven weist einen von Brentano zugesandten Kantatentext 'Auf den Tod ihrer Königlichen Majestät, Louise von Preußen' zurück ('Was die Kantate betrifft, so ist der Gegenstand für hier nicht wichtig genug'), Schuberts vom Freund Joseph von Spaun im April 1816 ergebenst formuliertes Begleitschreiben zur Zusendung von 16 Liedern auf Goethe-Texte ('Der Unterzeichnete wagt es, Eure Exzellenz durch gegenwärtige Zeilen einige Augenblicke Ihrer so kostbaren Zeit zu rauben') wird vom Geheimen Rat in Weimar mit Nichtachtung gestraft. Überhaupt hält Goethe, der für das 'Wunderhorn' noch freundliche Worte gefunden hatte, solcherlei Bestrebungen für 'Lazarettkunst', für das Werk begabter, aber letztlich unstrukturierter, zielloser Persönlichkeiten.

Anderes Verständnis zeigt Eichendorff. Über Brentano schreibt er, dieser sei 'selber wie ein Gedicht, das nach Art der Volkslieder, oft unbeschreiblich rührend, plötzlich und ohne sichtbaren Übergang in sein Gegenteil ' umschlüge. Ähnliches hätte er auch über Schubert sagen können: Er schreibt nicht Lieder, er ist eins.

 
Franz Schubert - Lithografie von C. Helfert nach Josef Kriehuber (posthum)

Was wäre, wenn...


Verglichen mit Heine, Eichendorff, Rückert u.a. ist Brentano (abgesehen vom 'Wunderhorn') von den bedeutenderen romantischen Dichtern wohl am wenigsten vertont worden. Zwar haben schon Zeitgenossen wie der Liedermeister Johann Friedrich Reichardt und seine begabte Tochter Luise zu seinen Dichtungen (weithin unbekannt gebliebene) Musik geschrieben, die den Lauf der Musikgeschichte Bestimmenden aber sind eher an ihm vorbeigegangen. Einzelnes gibt es von Johannes Brahms, von Max Reger oder Richard Strauß, keine dieser Vertonungen aber - wiewohl auf hohem Niveau komponiert - verhilft dem Sprachartisten Brentano zu seinem Recht. Stattdessen ersticken sie seine Klänge mit den stärkeren der Musik, indem in polyphonen Verschachtelungen der Sprachklang untergeht ('Abendständchen' - Brahms) oder die luftigen Verse mit einer Soße aus Melismen und ausgefallener Harmonik übergossen werden ('Säusle, liebe Myrte' - Richard Strauß). Aber vielleicht fügen sich die Verse Brentanos auch nicht der Musik, weil sie selbst schon zu viel Musik sind!? Gelegentlich wurde von der Unvertonbarkeit von Texten (z.B. Goethes 'Faust') gesprochen, weil die Sprache und ihr Gedankeninhalt schon so perfekt seien, dass Musik nichts hinzutun könne. Vielleicht liegt auf der Ebene der Vokalklänge, des Sprachrhythmus bei Brentano ein ähnliches Problem vor. Möglicherweise war es nicht die schlechte Publikationslage von Brentanos Poesie allein, die Komponisten abgehalten hat, sondern die instinktive Abwehr der klanglichen Konkurrenz? Vielleicht heißt es hier: Was soll die Musik diesen wunderschönen Klängen noch hinzufügen?

Daher sind spannende Fragen: Was hätte Franz Schubert aus diesen Gedichten gemacht, wenn er sie in die Hände bekommen hätte? Was mit ihrem Klangzauber? Hätten sie seiner Phantasie neue, ganz besondere Töne entlockt?

Die Fragen sind nicht zu beantworten, aber vielleicht lohnt der Versuch, die beiden posthum zueinander zu bringen. Auch wenn es ein Treffen im wirklichen Leben nicht gegeben hat, liegt doch die geronnene Form ihres Lebens in Gestalt ihrer Werke vor. Klar ist, dass das ohne eine eingreifende Hand nicht vonstattengehen kann; klar auch, dass es auch eine ziemliche Anmaßung darstellt, die eigene Hand als die 'Handelnde' ins Spiel zu bringen. Immerhin erscheint der Versuch interessant und herausfordernd, und die erweiterte Überschrift könnte dann lauten:

 

Ein Treffen der Herren Schubert und Brentano

- nachträglich arrangiert -

im Hause Fehling

 

Die einfachste Variante, die immerhin eine intime Kenntnis der Musik des einen und der Verse des anderen erfordert, brächte vorhandene Musik von Schubert mit Gedichten von Brentano zusammen. Das wäre schwer genug, denn bei der innigen Beziehung, die Schuberts Musik zu seinen Textvorlagen (bis ins einzelne Wort hinein) unterhält, wären enormes Glück und Fingerspitzengefühl vonnöten, Passendes zu finden, will man sich nicht wie ein Barbar in einem Garten bewegen. Die zweite Möglichkeit wäre, aus Schuberts Instrumentalmusik (Streichquintett C-Dur o.ä,) Abschnitte auszuschneiden, zu kombinieren und passenden Gedichten zuzuführen. Die spannendste, aber gleichzeitig auch gewagteste wäre, durch eigenes Weiterdenken, Weiterspinnen, Weitersingen vorhandener Motive Brücken zu schlagen und mit diesen neuen Gedanken ein Amalgam zu schaffen, das in Bezug auf die Frage 'Was wäre gewesen, wenn?' zwar ein Gespinst bleiben muss, aber immerhin eines nicht ohne Triftigkeit. Die Berechtigung hierzu leite ich vorderhand aus der Tatsache ab, dass mich die Gedichte und Lieder der beiden von Jugend an begleiten und in gewissem Sinne zu meiner zweiten Natur geworden sind. Ob die kompositorischen Mittel hinreichen, ob sie einem Vergleich mit dem Niveau der beiden standhalten, entscheidet sich am Ergebnis. Immerhin ist dieser Versuch von einer großen Liebe getragen und kann dann - recht betrachtet - auch kaum Unheil stiften.

 

Brentano als Schwarzer Schmetterling - Scherenschnitt von Luise Duttenhofer (1776 - 1829)

 
Hier sind einige der Gedichte, die meine Begeisterung angestiftet haben:

Gedichte

Dank

Dein Lied erklang, ich habe es gehöret,
Wie durch die Rosen es zum Monde zog;
Den Schmetterling, der bunt im Frühling flog,
Hast du zur frommen Biene dir bekehret,
Zur Rose ist mein Drang,
Seit mir dein Lied erklang!

...

Dein Lied erklang, es war kein Ton vergebens,
Der ganze Frühling, der von Liebe haucht,
Hat, als du sangest, nieder sich getaucht
Im sehnsuchtsvollen Strome meines Lebens,
Im Sonnenuntergang,
Als mir dein Lied erklang!

 

Geheime Liebe

Unbeglückt muss ich durchs Leben gehen,
Meine Rechte sind nicht anerkannt;
Aus der Liebe schönem Reich verbannt,
Muss ich dennoch stets ihr Schönstes sehen!

Nicht die schwache Zunge darf's gestehen,
Nicht der Blick verstohlen zugesandt,
Was sich eigen hat das Herz ernannt,
Nicht im Seufzer darf's der Brust entwehen!

Tröstung such' ich bei der fremden Nacht,
Wenn der leere lange Tag vergangen,
Ihr vertrau' ich mein geheim Verlangen;

Ist in Tränen meine Nacht durchwacht,
Und der lange leere Tag kommt wieder,
Still ins Herz steigt meine Liebe nieder.

 

(Sonett für Auguste Brede, veröffentlicht im 'Dramaturgischen Beobachter' in Wien am 3. 1. 1814)

 

Die Liebe

Die Liebe fing mich ein mit ihren Netzen,
Und Hoffnung bietet mir die Freiheit an;
Ich binde mich den heiligen Gesetzen,
Und alle Pflicht erscheint ein leerer Wahn.
Es stürzen bald des alten Glaubens Götzen,
Zieht die Natur mich so mit Liebe an.
O süßer Tod, in Liebe neu geboren,
Bin ich der Welt, doch sie mir nicht verloren.

 

 

Eingang

Was reif in diesen Zeilen steht,
Was lächelnd winkt und sinnend fleht,
Das soll kein Kind betrüben,
Die Einfalt hat es ausgesäet,
Die Schwermut hat hindurchgeweht,
Die Sehnsucht hat's getrieben;
Und ist das Feld einst abgemäht,
Die Armut durch die Stoppeln geht,
Sucht Ähren, die geblieben,
Sucht Lieb', die für sie untergeht,
Sucht Lieb', die mit ihr aufersteht,
Sucht Lieb', die sie kann lieben,
Und hat sie einsam und verschmäht
Die Nacht durch dankend in Gebet
Die Körner ausgerieben,
Liest sie, als früh der Hahn gekräht,
Was Lieb' erhielt, was Leid verweht,
Ans Feldkreuz angeschrieben,
O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb', Leid und Zeit und Ewigkeit!

 

Wenn die Sonne weggegangen

 

Wenn die Sonne weggegangen,
kommt die Dunkelheit heran,
Abendrot hat goldne Wangen,
und die Nacht hat Trauer an.

 

Seit die Liebe weggegangen,
bin ich nun ein Mohrenkind,
und die roten frohen Wangen
dunkel und verloren sind.

 

Dunkelheit muss tief verschweigen
alles Wehe, alle Lust;
aber Mond und Sterne zeigen,
was mir wohnet in der Brust.

 

Wenn die Lippen dir verschweigen
meines Herzens stille Glut,
müssen Blick und Tränen zeigen,
wie die Liebe nimmer ruht.

 

Der Spinnerin Nachtlied

Es sang vor langen Jahren
Wohl auch die Nachtigall,
Das war wohl süßer Schall
Da wir zusammen waren  

Ich sing und kann nicht weinen
Und spinne so allein,
Den Faden klar und rein
So lang der Mond wird scheinen  

Da wir zusammen waren
Sang süß die Nachtigall
Nun mahnet mich ihr Schall
Dass du von mir gefahren  

So oft der Mond mag scheinen,
Gedenk ich dein allein,
Mein Herz ist klar und rein,
Gott wolle uns vereinen  

Seit du von mir gefahren
Singt stets die Nachtigall
Ich denk bei ihrem Schall
Wie wir zusammen waren  

Gott wolle uns vereinen,
Hier spinn ich so allein,
Der Mond scheint klar und rein,
Ich sing und möchte weinen.

 

Säusle, liebe Myrte

Säusle, liebe Myrte!
Wie still ists in der Welt,
Der Mond, der Sternenhirte
Auf klarem Himmelsfeld,
Treibt schon die Wolkenschafe
Zum Born des Lichtes hin,
Schlaf, mein Freund, o schlafe,
Bis ich wieder bei dir bin.

 

Säusle, liebe Myrte!
Und träum im Sternenschein,
Die Turteltaube girrte
Auch ihre Brust schon ein.
Still ziehn die Wolkenschafe
Zum Born des Lichtes hin,
Schlaf, mein Freund, o schlafe,
Bis ich wieder bei dir bin.

 

Hörst du, wie die Brunnen rauschen?
Hörst du, wie die Grille zirpt?
Stille, stille, laß uns lauschen,
Selig, wer in Träumen stirbt;
Selig, wen die Wolken wiegen,
Wem der Mond ein Schlaflied singt!
O! wie selig kann der fliegen,
Dem der Traum den Flügel schwingt,
Dass an blauer Himmelsdecke
Sterne er wie Blumen pflückt:
Schlafe, träume, flieg, ich wecke
Bald dich auf und bin beglückt.

 

 

Mein Rhein

Nun, gute Nacht! mein Leben,
Du alter, treuer Rhein!
Deine Wellen schweben
Schon klar im Sternenschein;
Die Welt ist rings entschlafen,
Es singt den Wolkenschafen
Der Mond ein Lied.

Der Schiffer schläft im Nachen

Und träumet von dem Meer,
Du aber, du musst wachen
Und trägst das Schiff einher.
Du führst ein freies Leben,
Durchtanzest bei den Reben
Die ernste Nacht.

Wer dich gesehn, lernt lachen;
Du bist so freudenreich,
Du labst das Herz der Schwachen
Und machst den Armen reich,
Du spiegelst hohe Schlösser,
Und füllest große Fässer
Mit edlem Wein.

Auch manchen lehrst du weinen,
Dem du sein Lieb entführt,
Gott wolle die vereinen,
Die solche Sehnsucht rührt.

Sie irren in den Hainen
Und von den Echosteinen
Erschallt ihr Weh.

Und manchen lehret beten
Dein tiefer Felsengrund,
Wer dich im Zorn betreten,
Den ziehst du in den Schlund.
Wo deine Strudel brausen,
Wo deine Wirbel sausen,
Da beten sie.

Mich aber lehrst du singen,
Wenn dich mein Aug' ersieht,
Ein freudenselig Klingen
Mir durch den Busen zieht;
Treib fromm nur meine Mühle,
Jetzt scheid' ich in der Kühle
Und schlummre ein.

Ihr lieben Sterne decket
Mir meinen Vater zu.
Bis mich die Sonne wecket,
Bis dahin mahle du.
Wird's gut, will ich dich preisen,
Dann sing' in höhern Weisen
Ich dir ein Lied.

Nun werf' ich dir zum Spiele
Den Kranz in deine Flut,
Trag' ihn zu seinem Ziele,
Wo dieser Tag auch ruht.
Und nun muß ich mich wenden,
Und segnend dich vollenden,
Den Abendsang.

1811, aus der «Iris»-Fassung der Rheinmärchen (Frühwald 1968)

 

Du herrlicher Rhein

 Wie klinget die Welle!
Wie wehet ein Wind!
O selige Schwelle!
Wo wir geboren sind.

Du himmlische Bläue!
Du irdisches Grün!
Voll Lieb und voll Treue,
Wie wird mein Herz so kühn!

Wie Reben sich ranken
Mit innigem Trieb,
So meine Gedanken,
Habt hier alles lieb.

Da hebt sich kein Wehen,
Da regt sich kein Blatt,
Ich kann draus verstehen,
Wie lieb man mich hat.

Ihr himmlischen Fernen!
Wie seid ihr mir nah;
Ich griff nach den Sternen
Hier aus der Wiege ja.

Treib nieder und nieder,
Du herrlicher Rhein!
Du kömmst mir ja wieder,
Lässt nie mich allein.


Meine Mühle ist brochen,
Und klappert nicht mehr,
Mein Herz hör' ich pochen
Als wenn's die Mühle wär'.

O Vater! wie bange
War es mir nach dir,
Horch meinem Gesange,
Dein Sohn ist wieder hier.

Du spiegelst und gleitest
Im mondlichen Glanz,
Die Arme du breitest,
Empfange meinen Kranz.

(1811, aus der End-Fassung der Rheinmärchen)


Frühling

Es sehnet sich die Erde himmelwärts,
 der Frühling pocht in tausend Knospen an,
schon sinkt der Himmel tauend ihr ans Herz,
es duftet bräutlich rings der Thymian.
Und träumend spiegelt seinen grünen Schauer
im klaren Fluss der Eichwald, jung belaubt.v
Du ernster Rosmarin! Du Freund der Trauer

hebst sinnend treu das immergrüne Haupt.
O keusch gesenkter Blick der Maienbraut!
Erblühnder Mund, wie redet ihr so laut!
Du unerschlossnes Herz, ich hör dich pochen!
Die Rose, die noch in dem Keime träumt,
weiß nicht, ob sie nach wen'gen Sommerwochen
im Rausche aller Wonnen überschäumt,
weiß nicht, ob sie, von Tau und Düften voll,
zum Lichte weinen oder lachen soll.

(Aus: 'Die Gründung Prags')

 Abenständchen

Hör, es klagt die Flöte wieder,
Und die kühlen Brunnen rauschen.

    Golden wehn die Töne nieder,
    Stille, stille, lass uns lauschen!

Holdes Bitten, mild Verlangen,
Wie es süß zum Herzen spricht!

    Durch die Nacht, die mich umfangen,
    Blickt zu mir der Töne Licht.

 

 

Phantasie

(Für Flöte, Klarinette, Waldhorn und Fagott)

Flöte

Stille Blumen,
In der Liebe Heiligtumen
Nicht entsprossen,
Welken nieder.
Süße Lieder,
Ohne Echo hingeflossen,
Kehren nimmer wieder

 

Klarinette

Doch zeiget der Spiegel im Quelle,
So freundlich und helle,
Das eigne Gebild;
Wie's flüchtig in rastloser Schnelle
Sich eilend geselle,
Und Welle an Welle
Dem Leben entquillt.

 

Fagott

Wohnen nicht klar in mir
Des Geistes Gestalten;
Leben, so will ich Dir
Den Busen entfalten;
Wer den eignen Ton nicht hört,
Lausche, bis er wiederkehrt –
Widerschein
Blickt ins dunkle Herz herein.

 

Waldhorn

Des Vorhangs leises Beben
Erschreckt mich nicht,
Und kann ich nicht erstreben
Das eigne Licht:
So wandl' ich schön und stille
Ein Kind dahin:
Mich grüßt durch fromme Hülle
Ein heilger Sinn.

 

Alle

Es eilet jed' Leben die eigene Bahn;
Es schauet der Spiegel den Menschen nicht an;
Es küsset die Welle die Welle so gerne,
Und reißet vom Ganzen nicht Einer sich los;
Doch blüht einem jeden das Ganze im Schoß,
Und tief durch den Schleier, da weht es von ferne.

 

Flöte

Helle Sterne
Blinken aus der weiten Ferne
Fremdes Licht –
Und die Tränen,
Die sich nach dem Freunde sehnen,
Siehst Du nicht.

 

Waldhorn

Es wandelt voll Liebe im Leben
Die Sonn und das Mondlicht herauf;
Doch, wenn wir das eigne nicht geben,
Schließt nimmer der Schatz sich uns auf.

 

Fagott

Was wir suchen, ach, das wohnet,
Unerkannt
Uns im Herzen, unbelohnet;
Und die Hand
Haschet stets nach äußerm Schimmer.
Was wir nicht umfassen,
Das müssen wir lassen;
Denn wir fassen's sicher nimmer.

 

Klarinette

Die ganze Welt
Umwölbet ein Zelt,
Über jeglicher Pforte
Stehn goldne Worte.
Das Aug der Sonne glühet
Zur Blume, die aufsteht,
Den heißen Gruß;
Auf Mondeslippen blühet
Der Blume, die heimgeht,
Der stille Kuß.
Und wer mit beiden
Nicht kindlich spricht,
Dem leuchtet kein Licht,
Der findet den Ein- und den Ausgang nicht,
Der kann nicht kommen, nicht scheiden.

 

Alle

Und wer sich mit Liebe nicht selber umarmt,
Für den ist das Leben zum Bettler verarmt.
In eigenem Busen muß alles erklingen,
Und daß der Sinn leicht finden es kann,
Hat's viele buntfarbige Kleider an,
Und Hülle und Geist sich zum Leben verschlingen.

 

Frühlingsschrei eines Knechtes aus der Tiefe

 

Meister, ohne dein Erbarmen
Muss im Abgrund ich verzagen,
Willst du nicht mit starken Armen
Wieder mich zum Lichte tragen

 

Jährlich greifet deine Güte,
In die Erde, in die Herzen,
Jährlich weckest du die Blüte,
Weckst in mir die alten Schmerzen.

 

Einmal nur zum Licht geboren,
Aber tausendmal gestorben,
Bin ich ohne dich verloren,
Ohne dich in mir verdorben.

 

Wenn sich so die Erde reget,
Wenn die Luft so sonnig wehet,
Dann wird auch die Flut beweget,
Die in Todesbanden stehet.

 

Und in meinem Herzen schauert
Ein betrübter bittrer Bronnen,
Wenn der Frühling draußen lauert,
Kömmt die Angstflut angeronnen.

...

Wenn nun rings die Quellen schwellen,
Wenn der Grund gebärend ringet,
Brechen her die giftgen Wellen,
Die kein Fluch, kein Witz mir zwinget.

...

Und dann scheinen bös Gezüchte
Mir die bunten Lämmer alle,
Die ich grüßte, süße Früchte,
Die mir reiften, bittre Galle.

 

Herr, erbarme du dich meiner,
Dass mein Herz neu blühend werde,
Mein erbarmte sich noch keiner
Von den Frühlingen der Erde.

...

Immer stürzen mir die Wände,
Jede Schicht hat mich belogen,
Und die arbeitblutgen Hände
Brennen in den bittern Wogen.

 

Weh! der Raum wird immer enger,
Wilder, wüster stets die Wogen,
Herr, o Herr! ich treib's nicht länger,
Schlage deinen Regenbogen.

...